Die verhaßten Stacheln (Celander)
8. December 2007 von admin
Was spitz und stachlicht ist, das haßt das Frauen-Zimmer
Es schreit, wenn ihre Hand ein scharffes Ding berührt,
Wenn es die Rosen bricht, schilt es die Stacheln immer,
Die deren Purpur-Zier zur Wache bey sich führt.
Das Honig liebt es zwar, doch aber nicht die Bienen,
Deren scharff Gewehr offt ihre Haut verletzt,
Es liebt das weiche Blatt der gläntzenden Jesminen,
Die Dornen aber nicht, die in den Zaun gesetzt.
Die Nadel muß ihm zwar im Putze Dienste leisten,
Allein die Spitze ist, sobald sie sticht, veracht’.
Dies ging’ noch alles hin, doch kränckt uns dies am meisten,
Daß unsers Mundes-Zier auch wird dazu gemacht.
Sie mögen herzlich gern von uns die Küsse nehmen,
Wenn unser Mannheit-Schmuck nicht um die Lippen steht,
Denn aber will der Mund sich nicht dazu bequehmen,
Wenn ihnen nur der Bart in ihre Haut eingeht.
Sind aber, Kinder, euch die Stacheln auch verhasset,
Die eurer Jungfernschafft den lieben Tod anthun?
Nein! denn er wird von euch an solchem Ort gefasset,
Daß ihr im Stechen könnt in süsser Wollust ruhn.
Der Stachel ists, der euch alleine will gefallen,
Da ander Stacheln euch zumahl verhasset seyn,
Den Stachel liebet ihr an uns vor andern allen,
Weil er so zärtlich sticht euch eine Wunde ein.
Allein, ihr seyd bethört, daß ihr den Stachel liebet,
Der mit dem süssen Stich euch allzu schädlich ist,
Gesetzt, daß euch ein Dorn, ein Bart Verletzung giebet,
So stirbt die Ehr doch nicht, die bald das Grab-Mahl küßt.
Haßt doch die Stacheln nicht, die euch nicht schaden können,
Vertragt der Dornen Stich des Bartes aucg darbey,
Der Schmertz, der davon kommt, pflegt leichte zu zerrinnen,
Und glaubt, der süsse Stich macht viel Beschwererey.
Die verhaßten Stacheln von Celander (um 1700)
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